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SPD Nidda: Alles beginnt in schweren Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg

Am 8. Januar 1919 gründeten 18 Niddaer Männer einen sozialdemokratischen Wahlverein. Zum 100-jährigen SPD-Bestehen führt eine Chronik durch Partei- und Stadtgeschichte zugleich.

Voller Saal für Willy Brandt: Im Landtagswahlkampf 1987 kam er nach Nidda, rechts neben ihm SPD-Landtagsabgeordneter Gerhard Becker. Fotos: SPD

NIDDA – Der Anfang fiel in die schweren Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg: Am Abend des 8. Januar 1919 gründeten 18 Niddaer Männer, vor allem junge Handwerker und Facharbeiter, in der Gaststätte Zoll am Marktplatz einen sozialdemokratischen Wahlverein und wurden in der Folgezeit Parteigenossen. Nachzulesen ist das in einer Chronik, die vor allem Georg Wegner und Adi Jäger zum 100-jährigen Bestehen des SPD-Ortsvereins Nidda zusammengestellt haben. Das kleine Buch führt durch Partei- und Stadtgeschichte zugleich und verbindet diese Informationen mit dem Blick auf deutschlandweite Ereignisse.

Der junge Niddaer Ortsverein war sowohl politisch als auch sozial aktiv: 1922 wurden ein Arbeitergesangverein und ein Ortsverein der SPD-Arbeiterjugend gegründet, bei der Kommunalwahl 1925 errang die SPD drei Sitze im Gemeindeparlament. Mit der Weltwirtschaftskrise verhärteten sich die politischen Fronten. 1930 wurden SPD-Wahlveranstaltungen von politischen Gegnern gestört, Berthold Zeitz, der aus einer engagierten SPD-Familie stammte, verlor im selben Jahr die Bürgermeisterwahl. Am 22. Juni 1933 wurden im Zug der Gleichschaltung Vereine und politische Parteien reichsweit aufgelöst, auch die Niddaer SPD. Eine Stärke der Chronik sind die historischen Bilder und Dokumente sowie die Skizzen exemplarischer Einzelbiografien. Wie etwa die des Malers und Weißbinders Gustav Pfannkoch, Mitglied der SPD und des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Als Mitglied im Niddaer Gemeinderat enthielt er sich mit den Genossen Richard Orth und Willi Luft der Stimme, als Hitler 1933 zum Niddaer Ehrenbürger gewählt wurde. Von 1933 bis 1934 kam Pfannkoch ins KZ Osthofen, 1936 wurde er als Mitglied einer sozialistischen Widerstandsgruppe zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Von 1945 bis 1948 war er Bürgermeister in Nidda, blieb dann Vorsitzender des Niddaer Ortsvereins. Die Chronik fasst die Atmosphäre in Nidda während der NS-Zeit knapp zusammen: „Es fehlte das Gespür für Ungerechtigkeit…, das Unrechtsbewusstsein… die Ereignisse der sogenannten ,Reichskristallnacht‘ waren deutlicher Ausdruck der veränderten Denkweise.“ Wohl kam es offen oder verdeckt zu Widerstand, die Chronik nennt die Familie Zeitz beispielhaft für ihre Zivilcourage. Die Nachkriegsjahre waren eine Zeit großer Not, aber auch eine Zeit des Wiederaufbaus und des mehr und mehr einsetzenden Wirtschaftswunders. Die SPD genoss bei den Wahlen großes Vertrauen.

Politik als Männersache? Beim Niddaer „Fest der Schaffenden“, zugleich Wahlkonferenz, im August 1957 mit Herbert Wehner als einem der Festredner wurde Lucie Beyer für den Bundestag nominiert – für manche Genossen von altem Schrot und Korn war das gewöhnungsbedürftig. 1960 gab es erstmals eine Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) unter Vorsitz von Anne Peter.

Mit der knappen Mehrheit von acht zu sieben Stimmen wurde Wilhelm Eckhardt im Oktober 1960 zum Bürgermeister gewählt, er konnte mit seiner Maxime „Wahrheit, Klarheit, Sparsamkeit“ aber bald die Bürger von sich überzeugen. Der nicht unumstrittene Schritt zur Großgemeinde Nidda wurde am 1. Dezember 1970 formell vollzogen. Mehr noch: Eckhardt konnte in seiner Amtszeit bis 1989 den Bürgerhausneu- und -umbau, Bauabschnitte an der Haupt- und Realschule, Neubauten von Ortsteil-Bürgerhäusern, Kindergärten und Altenheimen, zeitgemäßen Wasserleitungs- und Kanalbau umsetzen und ist noch heute in der Niddaer Bevölkerung unvergessen. Erleichtert wurden diese Maßnahmen durch die günstige Konjunktur und die SPD-Mehrheiten in den städtischen Gremien, etwa 24 Stadtparlamentssitze nach der Kommunalwahl 1985. Es gab die 1961 gegründete Juso-Gruppe, die AsF, die Arbeitsgemeinschaft der Selbstständigen in der SPD mit dem Vorsitzenden Adi Jäger. Die Partei stellte profilierte Politiker wie Karl Dietz auf kommunaler und Gerhard Becker auf landespolitischer Ebene. Mit Helmut Jung als Bürgermeister und Georg Wegner als Erstem Stadtrat standen ab 1989 weiter Sozialdemokraten an der Spitze der Stadt. Sie trieben die Altstadtsanierung mit dem Krugschen Haus als Stadtbibliothek und dem „autofreien Marktplatz“ (1992) als Krönung voran. Elemente innerörtlicher Verkehrsentlastung, der Neubau des Freibades (beendet 1995) und die Ausweisung des Interkommunalen Gewerbegebiets Harb wurden auf den Weg gebracht.

Fast ein Jahrzehnt mit zähen Verhandlungen und langwieriger Umsetzung dauerte die Sanierung des Niddaer Bahnhofs einschließlich Barrierefreiheit. Jung, Wegner und die damals verantwortlichen Genossen sind noch heute dankbar für parteiübergreifende Zusammenarbeit, um dies alles zu realisieren. Politische Enttäuschungen blieben nicht aus, etwa der Verlust der Mehrheit im Kommunalparlament 1993 und des Bürgermeisteramtes 1995. Sozialdemokraten der jungen Generation wuchsen in die kommunalpolitische Arbeit hinein, etwa Christine Jäger als Verantwortungsträgerin auf Orts- und Unterbezirksebene, Reimund Becker als Erster Stadtrat. Und es bleiben ungelöste Aufgaben. Das SPD-Konzept eines Niedrig-Energie-Ganzjahreshallenbades hat sich beispielsweise nicht durchgesetzt, die Suche nach einer realisierbaren Lösung bleibt weiter SPD-Ziel.

Die Chronik schließt: „Das 100-jährige Jubiläum der SPD Nidda soll nicht nur eine Würdigung der erfolgreichen Arbeit in der Vergangenheit darstellen, sondern auch ein positiver Anstoß zur politischen Zukunft sein.“

Quelle: Kreis-Anzeiger